Sexismusdefinition und Logik Teil 2 – „Männer können gar nicht sexistisch diskriminiert werden“

Im Blog high on cliches ist ein sehr netter Artikel zu finden, der zu grundsätzlichen (Vor)urteilen, mit denen sich Feministinnen konfrontiert sehen Stellung nimmt.

Stutzig wurden wir dann aber bei folgender Aussage:

Bevor ich mir wieder Mist anhören muss: Nein, Männer* können nicht sexistisch diskriminiert werden, Weiße nicht rassistisch und Menschen aus der Oberschicht nicht klassistisch. Diskriminierung funktioniert nur von oben nach unten, weil die entsprechenden Handlung sonst nicht von jemandem in einer Machtposition ausgeübt wird – eine wichtige Voraussetzung für das Vorhandensein von Diskriminierung.

Wir erinnern uns, nach der Ansicht einiger Feministinnen soll allein dem Betroffenen die Deutungsmacht über die eigene Betroffenheit von sexistischer Diskriminierung zustehen. Auf die daraus resultierenden Logikprobleme hatten wir – und auch andere – hingewiesen. Die bisher einzige Antwort noch immer – warum muss denn alles logisch sein.

Nun scheint es aber auch hier plötzlich eine Durchbrechung vom Betroffenheitsgrundsatz zu geben, wenn bestimmte Gruppen per se und ohne Einzelfallprüfung doch nicht Opfer sein können (sollen). Das wirft drei Fragen auf: Warum erfolgt hier eine Durchbrechung des bisher vertretenen Grundsatzes der Alleindefinitionsmacht der Betroffenen? Worauf wird die eigene – anscheinend übergeordnete -Definitionsmacht gestützt einer bestimmten Gruppe die Opferrolle von vornherein zu verweigern? Wird durch die Formulierung einer angeblichen Ausnahme in einem per se schon nicht logischen System nicht endgültig die Grenze zur Willkür überschritten?

UPDATE
Auch Nadine Lantzsch scheint (bei ihr bezogen auf Rassismus) von Sonderregeln bei der Definitionsbefugnis auszugehen:

Auch wenn von Rassismus Betroffene dieses Wort in aller Deutlichkeit benutzen, steht es Weißen nicht zu, dieses Wort wieder und wieder zu annektieren. Auch wenn das N-Wort eine weiße Erfindung früherer Kolonialherren ist, steht es Weißen nicht zu, dieses Wort wieder und wieder zu annektieren.

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Sexismus? Bitte keine Logik

In feministischen Blogs werden mit schöner Regelmäßigkeit aktuelle Werbespots oder Anzeigen als „sexistisch“ kritisiert. Das führt dann regelmäßig zu Diskussionen ob Anzeige X oder Werbespot Y jetzt wirklich sexistisch, rassistisch oder was auch immer sind oder nicht. So auch aktuell zu einem Spot von E.ON.

Einen sehr eigenwilligen Begründungsansatz verfolgt dabei Nadine Lantzsch von der Mädchenmannschaft. Sie will dem jeweils „Betroffenen“ allein die Deutungsmacht zubilligen, ob eine bestimmte Handlung als sexistisch (oder sonstwie -istisch) einzustufen ist oder nicht:

Nadine: Im Zweifelsfall verlasse ich mich immer auf die Definitionen von Betroffenen und nicht auf die jener Menschen, die meinen für alle zu sprechen. Das kann mensch natürlich auch anders handhaben, ist dann aber nicht so der spannende Weg für mich. Ich meine (rhetorisch gefragt): Warum sollte ich mich von der Sexismus-Definition von Feminist_innen (&Bewegungsgeschichte&Geschlechterforschung) verabschieden, die dazu dient, die Verhältnisse zu kritisieren und radikal umzuformen (Stichwort: Gerechtigkeit), und mich jener anschließen, die genau das nicht will? Das macht keinen Sinn für mich. Ich gleiche meine Sexismus-Definition also nur mit jenen ab, die dasselbe Ziel verfolgen und Betroffenheitsperspektiven einen großen Raum geben, weil wir dann eigentlich gar nicht mehr über das ob, sondern mehr über das wie diskutieren können, Strategien und Bündnisse aushandeln.

Dieser Ansatz ist nicht ganz neu. In gleicher Weise hat sich schon mal Kiturak in ihrem Blog ausgelassen:

„Von gesellschaftlicher Diskriminierung betroffene Menschen haben bei mir Deutungshoheit über diese Diskriminierung.

Wenn eine halbwegs bedeutende Anzahl von Menschen in einer diskriminierten Gruppe sagt, etwas sei -istisch, dann IST ES DAS. AUS. Keine Debatte darüber, OB “Schlampe” sexistisch ist, weil es eine coole poly-Gruppe in Marburg gibt, die das reclaimt. Keine Debatte um “ob”.

EINFACH. KEINE. DEBATTE.“

Gerechtigkeit also ist das Ziel. Und keine Debatte. Soso. Wenn aber schon die Definition von Sexismus in die Hände der „Betroffenen“ gelegt werden soll, stellt sich die gute Frage, wer sicheigentlich  zu diesen Betroffenen zählen darf und wer nicht. Diese Unterscheidung scheint nicht unerheblich, weil Nadine Lantzsch „Nicht-Betroffenen“ nur ein eingeschränktes Diskussionssrecht zugesteht:

Nadine:Wenn du daraus allerdings eine Diskussion über deine persönlichen Gefühle/dein Wohlbefinden als Nicht-Betroffener machen willst, wenn andere ihre Stimme gegen Sexismus erheben und das nicht deiner Form der Kritik entspricht: Mach’ das bitte woanders. Danke.

Hier beginnt nun ein logisches Problem, denn wenn Betroffen schon derjenige ist, der sich selbst als Betroffen fühlt und damit bereits die alleinige Definitionsmacht über die Verletzung erhält, die ihn erst zum Betroffenen macht (und dafür auch noch Solidarität einfordern kann), haben wir einen uferlosen Sexismusbegriff. Motto:

„Wenn ich mich durch eine Handlung diskriminiert fühle, dann liegt damit eine objektiv Diskriminierung vor, denn mir als Betroffener steht schließlich das Definitionsrecht darüber zu.“

Dieses Problem haben auch andere erkannt und in den Kommentaren der Mädchenmannschaft angesprochen:

karpatenhund: @Nadine: Diesen Ansatz zur Sexismusdefinition halte ich für problematisch, denn er enthält einen Zirkelschluss. Wenn man sagt, man wolle sich der Sexismusdefinition “der Betroffenen” anschließen müsste man vorher definieren, wer betroffen ist. Das geht aber wiederum nur, wenn der Sexismusbegriff bereits vorher definiert wurde.

Genau das gleiche gilt für die Aussage, sich den Definitionen anschließen zu wollen, die der Betroffenheitsperspektive größten Raum geben wollen. Welche Perspektive soll das sein? Ermitteln kann man dies nicht, da auch hier wieder die Definition von Sexismus denklogisch vorher stattfinden muss.

Die Übernahme einer Definition unterliegt bei dem Ansatz der Beliebigkeit desjenigen, der sich anschließt. Im Prinzip wird so vorher ohne festgelegte Kriterien geschaut, wen man für betroffen hält; und dessen Definition dann übernommen und mit den eigenen Ansichten abgeglichen. Für eine brauchbare Definition fehlen bei diesem Vorgehen ganz klar die Argumente, warum ausgerechnet die ausgewählten Definitionen einzig richtig und brauchbar sein sollen.

Problem benannt – Problem gebannt. Man durfte gespannt sein, wie hier denndie Lösung aussehen sollte. Was als Antwort von Magda Albrecht kam war enttäuschend:

Magda: @karpatenhund

Das ist – mit Verlaub gesagt – Wortklauberei, die du hier betreibst. Welche Sexismusdefinition schwebt dir denn vor? Eine, die beinhaltet, dass alle Menschen – von Sexismen betroffen oder nicht – darüber diskutieren, was denn Sexismus ist? Das ist Quatsch und in der Realität kaum zu bewerkstelligen. Ich setze mich doch nicht mit offen frauenfeindlichen und sexistischen Menschen an einen Tisch und lasse die auswürfeln, ob sie jetzt einen Werbespot lustig oder sexistisch finden. Je nach Gemütslage, unabhängig davon, ob sie von Diskriminierung betroffen sind (oder nicht)! Das klappt nur, wenn du dir eine Welt mit Menschen vorstellst, die alle gleiche Ressourcen, Kräfte, Chancen, etc. haben. Gibt’s aber leider nicht!

Du tust so, als wären Sexismusdefinition in Stein gemeißelte auf Lebenszeit unveränderliche Wahrheiten. Feminist_innen haben aber schon immer über Definitionen diskutiert. So sind Definitionen selbstverständlich immer Veränderungen unterworfen. Dein Debattenbeitrag erhält aber keinen Anknüpfpunkt für eine Diskussion, weil du eigentlich nur sagst, dass Nadine unrecht hat – obwohl du nichts eigenes beiträgst.

Ich bin aber gespannt, von einer (Arbeits-)definition zu Sexismus von dir zu hören, so wiederhole ich meine Frage gerne: Was ist deine Sexismusdefinition? Vorher ist diskutieren eher wenig sinnvoll.“

Na toll. Frage nicht beantwortet, stattdessen nur eine Gegenfrage gestellt und nebenbei noch den Fragesteller diskreditiert. Allerdings lies der Kritiker sich so billig nicht abspeisen:

@Magda: Da muss ich widersprechen. Meine Aussage ist keineswegs Wortklauberei. Und ich setze mich aktuell für gar keine Sexismusdefinition ein, sondern sage, dass die Herangehensweise von Nadine problematisch ist. Natürlich kann ich mich einer x-beliebigen Definition anschließen und behaupten, diese Definition sei die richtige, weil ich glaube, dass sie die richtige ist und ich der Person oder Institution vertraue, die sie geschaffen hat. Möglicherweise ist die Definition auch tatsächlich richtig. Nur widerspricht diese Vorgehensweise sämtlichen wissenschaftlichen und logischen Standards zur Begründung der Richtigkeit einer Definition. Bei jedem Artikel, jeder Arbeit mit halbwegs wissenschaftlichem Anspruch bekäme man bei so einer Begründung der Richtigkeit einer Definition zu Recht scharfen Gegenwind.

Wohlgemerkt ist diese Bemerkung von mir alleine auf die Herangehensweise bezogen und stellt nicht die sexistische Ausrichtung des Werbespots oder die inhaltliche Richtigkeit der Definitionen in Frage, die Nadine bei der Beurteilung von Sexismus zu Grunde legt.

Die Antwort von Magda war von geradezu entlarvender Schlichtheit:

„Wenn ich schon “wissenschaftlicher und logischer Standard” höre, muss ich nicht nur schmunzeln, sondern mich auch fragen, ob du das ernst meinst. Diese Gutgläubigkeit was Wissenschaftlichkeit angeht kann ich nicht nachvollziehen. Vor allen Dingen nicht aus feministischer Perspektive (und hey, wir sind ja auf einem feministischen Blog!). Das was uns als Wissenschaft verkauf wird, ist nämlich häufig sexistisch, biologistisch, rassistisch etc (darüber haben wir schon sehr oft gebloggt).

Ein paar Fragen: Hast du dich schon mal mit Wissenschafts- bzw. Objektivitätskritik auseinandergesetzt? Weisst du, dass Wissenschaft auch nicht im luftleeren Raum passiert und von gesellschaftlichen Strukturen beeinflusst ist? Hast du dich mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Methoden (und mit den Kritiken davon) befasst? Das sind jetzt keine Fragen, die du sofort beantworten musst, sondern eher Denkanstöße. Wir reden hier nämlich nicht von Zahlen, die du in einfache Definition quetschen kannst, sondern von Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind.

Huiui um Logik braucht man sich bei der Definition von Sexismus also gar nicht erst kümmern, da Logik selbst schon sexistisch ist. Der Feminismus von Magda muss also ohne Logik und Wissenschaft auskommen. Schade eigentlich. Der Kommentator Karpatenhund versuchte es noch einmal mit einer weiteren Erklärung und stieß damit erst recht auf taube Ohren:

Leider sind wir in der Debatte – wie schon von mir eingangs vermutet – nicht einen Schritt weitergekommen. Deine Analyse, warum Betroffene nicht Definitionsmacht über ihre Erlebnisse mit Diskriminierung haben sollten, erschließt sich mir gar nicht – eben weil du nicht mit Argumenten kommst, sondern mit deiner Zirkelschlußtheorie, die du unkritisch aus einem ganz anderen Feld übernimmst und auf ein Thema anwendest, welches nicht in einfache Theorien gequetscht werden kann, weil wir hier von Machtverhältnissen, Gesellschaft und Betroffene von Diskriminierung sprechen. Für mich ist die Diskussion nun beendet, wegen null interessantem gedanklichen Zugewinn.

Klartext:Das logische Problem des Zirkelschlusses hat Magda also immer noch nicht kapiert und ihre Debatte darüber was nun Sexismus ist und was nicht soll doch jetzt bitte nicht weiterhin in das Korsett der fachfremden Logik gequetscht werden und im übrigen steckt die Magda sich jetzt beide Finger in die Ohren und macht ganz laut Lalalala um bloß nicht mit weiteren Argumenten beläsigt zu werden.

Den Deckel ganz zu macht dann wieder Nadine Lantzsch:

Diskutierst du am Text? Sieht mir irgendwie nicht so aus. Hier ist kein Platz für deine Scheindiskussion zur Widerlegung feministischer Argumentationsführung ohne ein Argument deinerseits. Das nächste Mal, bevor du Mutmaßungen über meine Fantasie, mir die Welt so zusammen zu bauen, wie sie mir passt, anstellst, frag doch am besten nach, auf welcher Grundlage ich argumentiere. Dafür kannst du mir gern eine E-Mail schreiben, ich freue mich, wenn Menschen mehr über Sexismus und feministische Kritik erfahren wollen.