Nicht-gut-genug-Aktivismus Teil 2

Wir schrieben hier neulich über das Phänomen des „Nicht-gut-genug-Aktivismus„.

Ein neues Beispiel hierfür ist die Aktion „Heimwegtelefon“, bei der Frauen ein gewisser Schutz vor Vergewaltigung (oder auch nur die Verminderung der Angst vor einer solchen) ermöglicht werden soll.

Herzlich Willkommen beim Heimwegtelefon

Viele kennen die Situation: Es ist spät am Abend und kaum jemand auf der Straße. Wenn man nun noch alleine auf dem Weg nach Hause ist, kann jedes Geräusch Panik hervorrufen. Die Angst vor einem Überfall ist größer als bei Tag oder in Begleitung.
Mehr Sicherheit. Für mehr Sicherheit soll die Telefonhotline “Heimwegtelefon” sorgen. Freiwillige sitzen hier an der Leitung, um diejenigen nach Hause zu begleiten, die nachts alleine auf der Straße sind. Zu Beginn des Telefonats teilt der Anrufer mit, wo er sich befindet und was sein Ziel ist. Dann folgt ein nettes Gespräch, das die Laufzeit verkürzt. In regelmäßigen Abständen wird der aktuelle Standort in Erfahrung gebracht.

Diese eigentlich sehr frauenfreundliche Aktion wird nun kritisiert – wenig überraschend nicht von Männer, sondern von anderen Feministinnen, die es natürlich wieder besser wissen. Gleich zu Beginn der Kritik ist bereits eine gewisse Mißgunst zu erkennen, auch bei dieser Aktion (mal wieder) nicht dabei gewesen zu sein:

„Es wird nicht auf Wissen zurückgegriffen, das Feministinnen mühsam angeeignet haben und immer immer wieder wiederholen.“

Der erfahrene Leser der einschlägigen radikalfeministischen Blogs weiss bereits, dass „Wissen“ in diesem Kontext eigentlich nur ein Synonym für die eigene Meinung darstellt, aber das nur nebenbei. Was ist aus feministischer Sicht, aber denn nun eigentlich so furchtbar falsch, an der Aktion „Heimwegtelefon“?

„Das Bedrohungsszenario des Heimwegstelefons ist: Bei Nacht alleine draußen unterwegs sein. Es geht um „einen Überfall“. Was genau dieser Überfall sein soll bleibt diffus und schürrt damit eine unbestimmte und damit auch unbegrenzte Angst. Später wird von „sexuellen Übergriffen“ gesprochen. An dieser Stelle vermittelt die Zahl, dass Frauen auf der Straße echt wirklich viel Angst haben müssen vor diesen unbegrenzten, unbenannten Übergriffen. Aber auf welche Definition bezieht sich die Angabe? Zählen dazu sexualisierte Gesten und Sprüche in der Bahn, geht es um das Angefasst werden auf Partys? Oder doch der klassische Raubüberfall? Diese diffuse Angst, dass “irgendwas passiert”, macht die Angst weniger greifbar, Die Unbestimmtheit macht gleichzeitig den Raum auf für die klassische Vorstellung, von dem wovor Frauen Angst haben sollen: Dem gewaltsame und brutalen Angriff und der Vergewaltigung von einem Fremden.“

Nunja, im Schüren von unbestimmten Ängsten vor angeblich ständig auf Frauen lauernden Übergriffen sind die Vertreterinnen der Auffassung, dass wir in einer  „rape cultur“ leben, ja selbst nicht so ganz unerfahren. Daneben wird plötzlich so getan, als sei der Begriff des „Überfalls“ derart unbekannt und unbestimmt, dass sich darunter niemand etwas Konkretes vorstellen könne. Generell scheint Hauptproblem des Projektes die Verweigerung der feministischen Szenesprache zu sein:

„Die permante Weigerung, geschlechtergerechte Sprache zu benutzen passt zur Struktur des Projektes: Es wird unsichtbar gemacht, wer Gewalt ausübt und wer von dieser betroffen ist.“

Daneben wird wieder die schon erwähnte rape cultur erwähnt:

Eine solche Aktion vermittelt, dass dieses „nachts draußen“ wirklich sehr gefährlich ist, anstatt aufzuschlüsseln, dass diese Angst als Teil von rape culture produziert wird.

Vordergründig scheint diese Art der Kritik auszusagen, dass es falsch sei Frauen vor einer speziellen Situation – Nachts, allein, unterwegs – Angst zu machen. Aber nicht etwas deshalb, weil diese bestimmte Situation in Wahrheit nicht gefährlich sei, sondern weil die Vertreterinnen der „rape cultur“ ein Weltbild vertreten, in der eine Frau IMMER, JEDERZEIT Opfer von Übergriffen und Vergewaltigung werden kann. Nicht nur Nachts, alleine, draussen sondern auch und vor allem tagsüber, am Arbeitsplatz, in der eigenen Wohnung etc.
Das von der Aktion „Heimwegtelefon“ entworfene Bedrohungsszenario wird also abgelehnt um es sofort durch ein noch viel größeres Szenario ersetzen zu können.

„Hier nochmal ein paar Fakten aus der Studie im Bezug auf Vergewaltigungen: Als Täter gaben mehr als 50 % der befragten Frauen (Ex-)Freunde an. Die Tatorte waren zu 69 % die eigene Wohnung. Ich erlebe selten Kampagnen, die auf den Tatort Wohnung aufmerksam machen, vielleicht mal konkret im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt, oft auch dies kommt selten ohne rassistische Konstruktionen aus.Diese hier zitierte Statistik bezieht sich nur auf sexualisierte Gewalt ab dem 16. Lebensjahr. Die unzähligen Fälle von Gewalt durch Väter, Onkel, Großväter Nachbarn und andere nahe Bezugspersonen sind somit nicht eingerechnet. Tatort kann gewesen sein: Das eigene Bett.“

Vergewaltigung im eigenen Bett! Durch den Großvater! Was sagst Du nun Sorgentelefon? Davor kannst Du Frauen auch nicht schützen was? Deshalb ist Deine Aktion für echten Hardcorefeminismus NICHT GUT GENUG!

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4 Kommentare on “Nicht-gut-genug-Aktivismus Teil 2”

  1. Vinzenz sagt:

    „Was sagst Du nun Sorgentelefon? Davor kannst Du Frauen auch nicht schützen was?“
    Sehr schön beschrieben. Freut mich, dass das Blog noch aktiv ist, ich mag den Sarkasmus. 🙂

  2. Eule sagt:

    Ich habe auch den Eindruck, dass der Vorwurf „es wird nicht auf Wissen zurückgegriffen“ gerne aus der selben Ecke kommt und wohl eher gleichzusetzen ist mit „wir werden nicht (genug) als Vordenkerinnen gelobt“.

  3. […] Nicht-gut-genug-Aktivismus Teil 2 […]

  4. […] ein seltsames Verhältnis zu (möglicherweise) schützenden Maßnahmen. Das ist schon bei der aktuellen Kritik am sog. Heimwegtelefon aufgefallen und zeigt sich auch wieder bei Kritik an einer Kampagne die vor sogenannten K.O.-Tropfen warnt. Das […]


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