Nicht-gut-genug-Aktivismus

Ich nenne es den „Nicht-gut-genug-Aktivismus“. Gemeint ist damit ein unter dem Label feministisch/antirasitisch/antisexistisch etc. betriebender Aktionismus, der sich nicht gegen den eigentlichen Gegner richtet (Sexisten, Rassisten etc.) sondern der andere Aktivisten aus dem eigenen Lager und dessen Aktionen angreift.

Ein Beispiel hierfür ist die daran mehr oder minder gescheiterte Slutwalk-Bewegung. Der Slutwalk war gedacht als direkte feministische Aktion gegen Sexismus. Bald jedoch sah sich die Slutwalkbewegung zahlreichen Angriffen aus dem eigenen feministischen Lager ausgesetzt. Feministinnen, die selber keine so wirksamen Aktionen vorzuweisen hatten arbeiteten sich am Slutwalk ab, weil dieser das vorgegebene Ziel angeblich nicht-gut-genug erreicht hätte.

„Wenige Wochen nach den ersten Demonstrationen im nordamerikanischen Raum im letzten Jahr wurde feministische Kritik an der Form und Zusammensetzung der Slutwalks laut, die bis heute in großen Teilen ungehört zu bleiben scheint. Kritisiert wurden nicht nur der Name und die damit einhergehende Aneignungs- und Umdeutungspolitik, die mit den Begriffen “Slut” und “Schlampe” zunächst vollzogen werden sollte, sondern auch der Slutwalk selbst, der in Nordamerika und Westeuropa hauptsächlich von weißen, gut situierten, in der Mehrzahl heterosexuell lebenden Frauen initiiert und getragen wurde.“

„Die vielfältigen Kritiken an den Slutwalks mögen auf den ersten Blick vielleicht als ein ausschließlich von identitätspolitischen Ansprüchen getriebener Interventionsversuch erscheinen. Allerdings zeigen die Demonstrationen, ihre massenmediale Verhandlung und der Umgang der einzelnen organisierenden Slutwalk-Gruppen mit diesen Kritiken deren elementare Bedeutung: An den Slutwalks werden Verwerfungslinien, die sich durch die Historie feministischer Kämpfe ziehen, sichtbar. Die Fragen nach Solidarität, Bündnispolitik, Utopien, reformistischer oder radikaler Gesellschaftskritik stellen sich im Feminismus immer wieder neu, weil Gesellschaft nicht statisch einfach nur „da ist“, sondern sich widersprüchlich und prozesshaft verhält. Deshalb sollten diese Fragen von Feminist_innen immer wieder aufgegriffen und verhandelt werden. Allerdings halten es viele Aktivist_innen schlicht nicht mehr für nötig, sich mit innerfeministischen Kritiken auseinanderzusetzen, die seit jeher Anstoß und Motor feministischer Ideen und Widerstandsstrategien gewesen sind.“

Auch die sehr medienwirksamen Aktionen der Gruppe Femen wurden heftig kritisiert. Nicht von bösen Männern, also den Schergen des Patriarchats, sondern von anderen Feministinnen. Femen wurde mit Kritik zugeschossen und als ernstzunehmende Gruppe in der Szenewahrnehmung ausgeschaltet.

Das gleiche Schicksal ereilt nun die von der Zeitschrift GQ initiierte Aktion „Mundpropaganda“ die ein sichtbares Zeichen gegen Homophobie setzt. Auch hier sind belehrende Aktivistinnen nicht weit, die jetzt schon ganz genau wissen, wie man es hätte besser mahen können oder sogar im Gegenteil „Lesbenhass“ erkennen wollen.

Die Liste lässt sich fortsetzen.

Der „nicht-gut-genug-Aktivismus“ ist eine sehr bequeme Sache. Statt selber aktiv zu werden und eigene Aktionen zu starten kann man bequem vom Schreibtisch aus die Konkurrenz im eigenen Lager kleinhalten. Durch den „nicht-gut-genug-Aktivismus“ kann man auch gut nachweisen, dass man die NOCH BESSERE Feministin oder Antirassitin ist – auch wenn man eigene Erfolge nicht wirklich vorweisen kann.

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3 Kommentare on “Nicht-gut-genug-Aktivismus”

  1. […] Tja liebe Schutzkampagen, ihr seid leider nicht gut genug! […]


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