After Camp Katzenjammer

Linker Feminismus und Antirassismus verfolgt ja das ehrgeizige Ziel uns alle eines Besseren zu belehren. Wenn wir Außenstehenden nur alle die Anweisungen und Vorgaben brav befolgen würden hätten wir eine bessere und gerechtere Gesellschaft. Oder so ähnlich.Da sollte es doch ein Leichtes sein, dass uns die Mitglieder der Szene (bekennende profemistische und antirassitische Menschen) einmal vorleben, wie toll so eine bessere Gesellschaft doch funktioniert. So wäre es spannend zu verfolgen, wie eine Gruppe/Gesellschaft reagiert, wenn sie nach dem Prinzip des „Definitionsmachtkonzeptes“ agieren muss.

Gelegenheit dazu gibt es genug. Am laufenden Band gibt es Aktionstage und Camps. Betrachtet man allerdings die dazu veröffentlichten Erlebnisberichte wird darin ein ernüchterndes Bild gezeichnet:

Bericht vom „no border camp“ (Köln)

Vor allem aber versucht RS, die Kommunikation zu reglementieren. Schon vor dem Camp wurde, »angelehnt an das Konzept der Definitionsmacht«, ein »Stoppzeichen« eingeführt. »Um die Gewalttätigkeit von Sprache zu markieren«, sagt Emma. »Um weiße Redner unterbrechen zu können«, sagen Teilnehmer von Plena, an denen RS beteiligt war. Die unterbrochene Person darf nicht weiterreden, die PoC muss nicht erklären, was ihn oder sie gestört hat. »Wenn ich jedes Mal erklären soll, warum mich jemand rassistisch beleidigt hat, müsste ich alle fünf Minuten ein zweistündiges Gespräch führen«, sagt Emma.

Campteilnehmer klagen über eine Vielzahl an Gründen für die Redeverbote, etwa die Verwendung von Begriffen wie »Flüchtling«, »Sozialrassismus« oder »antirassistisch« durch Weiße. Als rassistisch gelte auch, PoC zu unterbrechen oder sie zu ermahnen, sich an die Redezeit zu halten. (…)

PoC nahmen in Köln für sich das Recht in Anspruch, Workshops wegen der Verbreitung von Rassismus absetzen oder Teilnehmer vom Camp ausschließen zu lassen. (…) Mehrere Teilnehmer wurden des Camps verwiesen. Eine betroffene Frau aus dem Rhein-Main-Gebiet berichtet, ihr sei keine Begründung genannt worden. »Das geht dich nichts an«, sei ihr gesagt worden.Quelle: http://jungle-world.com/artikel/2012/30/45919.html

Bericht vom Queerfestival Kopenhagen

Im täglichen Plenum, das als Organisations- und nicht als identifikationsstiftende Laberveranstaltung angedacht war, hörte ich dann zum ersten Mal von der trans_phoben und rassistischen Kackscheiße, die hier und da beobachtet worden war. (…)Außerdem fühlten sich mehrere Leute, die tagsüber vollkommen zufrieden mit der Atmo waren beim Beginn der jeweiligen Abendfestivitäten plötzlich unwohl und verließen den Innenhof. Am Abschlussabend gab es Zwischenfälle und Grenzüberschreitungen, die mit ihren Irrungen und Wirrungen offenbar auch zum obengenannten Streit geführt haben.

(…) Richtig zum Kotzen ist aber: Die radikalste Maßnahme, die gegen die Kackscheiße unternommen wurde, war ein Briefkasten, in den man anonym von Vorfällen berichten konnte. Meines Wissens nach aufgestellt von den Betroffenen selbst. Die Vorfälle wurden dann am Samstag auf dem Plenum vorgelesen und alle zogen eine miese Fresse und fühlten sich schlecht. Zu recht. Dennoch war der Streit auf der Party mit den gegenseitigen Vorwürfen der einzige Konflikt, der einen solchen Aufschrei auslöste, dass die Unterstützer_innengruppe des cis-Mannes das Dramateam zusammentrommelte und dieses Problem mit den aufwändigsten Mitteln, die das Queerfestival überhaupt hatte, angegangen wurde.

Quelle: http://anarchieundlihbe.blogsport.de/2012/08/05/queerfestival-copenhagen-2012/

Bericht vom Seminarwochenende der „Falken“

In der gemeinsamen Reflektionsrunde am Sonntag, außerdem in Gesprächen unter vier Augen und in einer Feedback-Email äußerten sich mehrere Teilnehmer über die Atmosphäre am Wochenende. Männer* schilderten: Sie haben sich angespannt gefühlt, hatten Angst, etwas falsches zu sagen oder zu tun, fühlten sich durch das als aggressiv empfundene Vorstellen des Definitionsmacht-Verfahrens vorverurteilt oder als Mann unter Generalverdacht gestellt. Die Definitionsmacht am ersten Abend und während der Begrüßung zu erklären, habe einen negativen Ausblick hergestellt, stattdessen hätte man sich vorfreudig auf die schöne gemeinsame Zeit berufen sollen. Dass der Umgang mit einer Grenzüberschreitung teilweise innerhalb der ganzen Gruppe stattfand, wurde als störend und bedrückend für das Gruppenklima empfunden. Manche Männer* und eine Frau* äußerten, dass sie das gesamte Wochenende über einen Zwang zu Political correctness und zu Harmonie empfunden haben und sich dadurch nicht frei fühlen konnten.

Quelle:http://anarchieundlihbe.blogsport.de/2012/04/24/flausch-und-schmerzen-wochenendreflektion/

Bericht vom „Gendercamp 2011“

Das Gendercamp ist kein geschützter Raum. Konzepte, die in queerfeministischen und linksradikalen Zusammenhängen zum Teil gelebt und beachtet werden (geschlossene Räume, Beachtung von Sprecher_innen- und Machtpositionen, Definitionsmacht, Verhaltens- und Sprechregeln), wurden nicht installiert. So kam es mehrfach vor, dass Diskussionen zerfaserten, einige Leute Diskussionen dominierten oder distanzlose Fragen stellten (auch in persönlichen Gesprächen). Ich musste mich zum Teil für Dinge rechtfertigen oder erklären, die für mich seit geraumer Zeit selbstverständlich sind oder deren Gesichertheit ich mir hart erkämpft habe. Argumente blieben häufig auf individualisierter Ebene, Befindlichkeiten standen oft im Vordergrund (allerdings nicht die Befindlichkeiten der Betroffenen), dass Gesellschaft durch Machtverhältnisse strukturiert wird und Diskriminierung alltäglich Brot vieler Menschen ist, schien nicht für alle common sense.

Quelle: http://medienelite.de/2011/05/16/gendercamp-2011-wissen-macht-und-geschutzte-raume/

Bericht vom „Gendercamp 2012“

Das Gendercamp ist ein weißer Raum. Eigentlich ist das keine Überraschung angesichts einer rassistisch strukturierten und weiß dominierten Gesellschaft, heißt aber nicht automatisch, dass für eine kritische Auseinandersetzung damit kein Platz wäre. Obwohl einige Teilnehmer_innen mit rassismuskritischem Wissen ausgestattet oder selbst von Rassismus betroffen sind, bot das Camp keine Möglichkeit solche Perspektiven zu diskutieren. Nicht, dass diese aktiv verhindert worden wären (zumindest ist mir nichts bekannt), von einer sensiblen Kultur diesbezüglich kann aber keine Rede sein. Dass in einer Session zu dominantem Redeverhalten nach dem Vorlesen des Terminus “weiße Strategie” erstmal die Redner_innenliste gesprengt wurde, um die einzige Woman of Color im Raum zu fragen, was denn damit gemeint sei und ob sie Beispiele bringen könnte, zeigt deutlich das Problem auf. Warum wird angenommen, dass sie das geschrieben hat? Warum ist sie in der Position sich zu rechtfertigen? Warum gelten die vereinbarten Kommunikationsregeln nicht mehr, nur weil Menschen der Meinung sind, ein Anrecht auf eine Antwort genau in diesem Moment zu haben? Ich bin mir sicher, dass keine Fragen gestellt worden wären, hätte da “männliche Strategie” am Flipchart gestanden. Zynischerweise zeigte diese Situation sehr genau auf, was “weiße Strategie” im Zusammenhang mit dominantem Redeverhalten bedeutet.(…)

Ähnlich ließe sich diese Kritik an den Strukturen auch auf andere Kategorien erweitern, denn auch ein queerer Raum war das Gendercamp nicht. Zwar gab es in diesem Jahr erstmals ein Awarenessteam, das sich im Vorfeld des Camps sehr viele Gedanken gemacht hatte, wie die vier Tage für möglichst viele möglichst kackscheißefrei ablaufen kann und auch Ansprechpartner_innen vor Ort waren sowie ein extra Raum mit Einstiegsliteratur vorbereitet wurde, aber es wurde nicht erreicht, dass diese Vorschläge eine Struktur bildeten. Ich hatte den Eindruck, dass das Awarenessteam von anderen eher als Institution betrachtet wurde und Ängste bezüglich einer Gedankenpolizei hervorrief.

Quelle: http://medienelite.de/2012/05/29/gendercamp-2012-review-zu-strukturen/

Fassen wir also zusammen. Bisher gelingt es noch nicht einmal den angeblichen Profeministen und Antirassisten selber auch nur für wenige Tage eine funktionierende Gruppe aufrecht zu erhalten, die ihre eigenen Prinzipen befolgt.

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2 Kommentare on “After Camp Katzenjammer”

  1. El_Mocho sagt:

    Sehr belustigende Zusammenstellung. Das sind eben die Konsequenzen moralisierender Selbstüberforderung. ist aber wohl unvermeidbar, wenn man sich im Besitz absoluter Wahrheiten glaubt.

  2. Peter sagt:

    Eine sozialpaedagogische Begleitung waere hilfreich. Etwas Haldoperidol koennte auch helfen.


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