Privilegien

Im feministischen Diskurs taucht ständig die sog. „Privilegierung“ auf. Privilegierung bedeutet dabei zunächst erst einmal nur, dass der Inhaber der Privilegierung irgendwie besser gestellt ist, als der Nichtprivilegierte. So ist zum Beispiel ein Mensch mit gesunden Beinen privilegiert gegenüber einem Menschen im Rollstuhl. Eigentlich ist die Inhaberschaft einen Privilegs damit erst mal wertungsneutral, denn der Gesunde ist ja nicht schuld an der Behinderung des Gelähmten.

Eigentlich ist die Erkenntnis ja keine Große: Wir hier in Deutschland sind priviligiert gegenüber Menschen in Afrika, Weiße sind in unserer Gesellschaft priviligiert gegenüber People of Colour (Selbstbezeichnung, hat sich bei mir so eingebürgert, und ich finde den Begriff gut.), und ja: So, wie es momentan aussieht, sind Männern zu großem Teil Frauen gegenüber priviligiert. „

bollocks & bitches

Privileg kann nun eigentlich alles sein. Der Reiche ist privilegiert gegenüber dem Ärmeren. Der Gesunde gegenüber dem Kranken. Der Junge ist privilegiert gegenüber dem Alten… Moment. Hier wird es schon schwieriger. Der Junge kann Gegenüber dem Älteren nämlich gleichzeitig privilegiert (gesünder, schöner, längere Restlebenserwartung) aber auch unterprivilegiert (weniger Rechte, weniger Status, weniger Macht) sein.

Noch schwieriger wird es, wenn man behauptet, der Mann sei gegenüber der Frau generell überprivilegiert, der Weiße gegenüber dem Schwarzen, der Heterosexuelle gegenüber dem homosexuellen. Das zeigt sich sehr schön bei der aktuellen Diskussion über die angebliche Privilegierung heterosexueller Mütter/Familien.

Hier gibt es Pro-Argumente:

Ähnlich, wie Melanie schreibt, sollte es für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen sich mit Kindern unwohl fühlen, und zwar, weil ihnen der Elternstatus, das Recht auf Familie abgesprochen wird oder schlicht körperlich nicht in der Lage sind/sein dürfen, Kinder zu bekommen oder zu erziehen/zu betreuen. Ich selbst bin Betroffene eines Systems, das mir den Familienstatus zumindest sehr erschwert, mich aus dem heteronormativen Setting “Vater-Mutter-Kind(er)” ausschließt und mir kaum Möglichkeiten gewährt, Erziehungsarbeit zu übernehmen.“ (medienelite)

Es geht die ganze Zeit um die Inszenierung eines Privilegs. Um das Zurschaustellen des Privilegs, eine Heterofamilie gründen zu können. Darum, dass „unter die Nase reiben“ denen ohne diese Möglichkeit weh tut. „ (Helga)

Und Contra-Argumente:

Dieser Text auf Medienelite ist leider komplett blind für die gesellschaftlichen Probleme von Eltern und spielt eine Diskriminierung gegen die andere aus. Das ist für mich zutiefst erschütternd. Als Mutter geht es mir so, dass ich ein tiefes Bedürfnis nach Solidarität empfinde, wenn ich andere Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen treffe. In den vergangenen Jahren habe ich gelernt, dass diese sich mitnichten nur auf Race, Class oder Gender beziehen, sondern dass wir einen tiefsitzenden Sozialdarwinismus, gepaart mit einer turbokapitalistischen Arbeitskultur haben, die ganz bestimmte Menschen einfach abhängt. Einfach abhängt – oder zumindest dafür sorgt, dass diese weit weit hinter ihren Möglichkeiten leben.“(Katrin Rönicke)

Konsequenz dieser ganzen Debatte für mich: Ich habe noch einen Raum weniger, in dem ich offen darüber sprechen kann, als wie belastend ich meine Mutterschaft häufig empfinde, um wie viel mehr mich alle Zuschreibungen rund um mein Kind/meine Mutterschaft verletzen als das jemals in Bezug auf meine Hautfarbe, mein Geschlecht, meine Herkunft etc. möglich wäre.“

Ist „Mutterschaft“ also ein Privileg oder nicht? Warum ist das so wichtig? Nun, gefordert wird ja nicht nur, das „das eigene Privileg“ zu erkennen, sondern daraus dann auch ganz konkrete Folgen für das eigene Handeln abzuleiten:

Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen. Die eigene Performance darf im Zusammenhang mit Privilegien als (körperlich) unversehrter CisMensch und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung lebend ruhig überdacht werden.“ (Nadine Lantzsch)

Wenn aber jemand mir gegenübetritt und FORDERT, dass ich mein Verhalten aufgrund meiner angeblichen Privilegierung „überdenken“ soll, dann wird man darüber zu diskutieren haben, ob das behauptete Privileg tatsächlich existiert – oder nicht.

Jetzt wird es kompliziert, denn nach Auffassung von Lantzschi (die damit vermutlich nicht alleine steht) muss derjenige, der von mir eine Verhaltensänderung aufgrund meiner angeblichen Privilegierung fordert, seine Behauptung noch nicht einmal begründen:

Schon die Bitte nach einer Begründung soll quasi selbst schon der Beleg für „Supremacy Haltung“ sein. Gleichzeitig schreibt Helga aber hier:

„Das Perfide an Privilegien ist ja qua Definition, dass die Priviligierten sie nicht sehen. „

Ja das ist wirklich perfide. Der Privilegierte ist also „qua Definition“ blind für sein Privileg, aber wenn er andere fragt, ist das supremacy Haltung. Sehr schön.

Hinzu kommt, dass der derjenige, der für sich eine Unterprivilegierung in Anspruch nehmen kann damit nach feministischer Denkweise diverse Forderungsrechte erwirbt:

  • das Recht von Privilegierten „Reflektion“ verlangen zu dürfen
  • das Recht von Privilegierten verhaltensänderungen verlangen zu dürfen
  • das Recht zur Kritik an Privilegierten ohne eigene Begründungspflicht

und das Beste von allem: Der Unterprivilegierte selber ist gegen jeden Vorwurf, er würde selber andere diskriminieren immun:

Worum es bei der Privilegientheorie geht, ist das Problem der Diskriminierung. Und nein, Gruppen, die mehr „Macht“ oder mehr Privilegien in einer Gesellschaft haben, können nicht strukturell diskriminiert werden. Punkt. Sie können bestimmte Nachteile haben, aber en gros liegt eben keine Diskriminierung vor. Und da kommen Feminismus und Privilegientheorie zusammen.“

bollocks & bitches

Im feministischen Diskurs ist das damit quasi der goldene Freifahrschein. Forderungsrechte und Schutz vor Gegenkritik, ohne das die eigene Position auch nur erklärt werden müsste.

Selbst wer jetzt denkt, offen zu seinen Pivilegien zu stehen (für die man oft nichts kann und die man oft auch nicht mal ablegen könnte) sei ein Schritt in die richtige Richtung täuscht sich:

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One Comment on “Privilegien”

  1. hottehü sagt:

    „Selbst wer jetzt denkt, offen zu seinen Pivilegien zu stehen (…) sei ein Schritt in die richtige Richtung täuscht sich:“

    ist doch klar, man sieht die privilegien ja selbst nicht. was immer man sieht, es können nicht die privilegien sein. das ist wie mit gott. gott ist nicht erkennbar. wenn du etwas erkennst, kann es nicht gott sein.

    luzider kann sich dieser inkonsistente und zirkelschlüssige defma-privilegien-standpunkt-mumpitz nicht entlarven, als an diesem fall von opfer-ralley.


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