Handeln oder Abwarten? Gegenansicht zu „Leih Dir ne Hete“

Nadine Lantzsch äußert in ihrem Artikel „Leih Dir ne Hete“ im Blog der Mädchenmannschaft Kritik am Berliner Projekt „die lebende Bibliothek“.

Bei dem Projekt geht es darum, dass man sich dort, statt auf das tote Wissen eines Buches zurückzugreifen einen lebendigen Menschen „leihen“ kann um an dessen Erfahrungswelt Anteil nehmen zu können und so Wissen und neue Sichtweisen erwerben zu können. Speziell sollen hier Minderheitenvertreter „im Angebot“ sein.

Der gesamte Artikel ist von der für Nadine typischen negativen Grundtendenz durchzogen. Sie lehnt das Projekt  bereits deshalb ab, weil Sie es als alleinige Aufgabe der „Mehrheitsgesellschaft“ sieht, angebliche Diskriminierung von sich aus abzubauen, ohne dass es dazu irgendeiner Form von Tätigwerden der von Diskriminierung betroffenen Minderheiten bedarf. 

„Warum also müssen sich jene den bohrenden Fragen der “Toleranzgesellschaft” stellen, die sowieso täglich mit Ausgrenzung, Diskriminierung und blöden Sprüchen konfrontiert sind? Sind wir im Zoo? Was werden denn da für Bilder über Menschen und deren Lebenssituationen konstruiert? Sind Transsexuelle, Muslima, Obdachlose nur diese Labels? Welche Kriterien müssen sie erfüllen, damit sie als Expert_innen für ihr Label gelten? Essenzialismus pur, Differenzkarneval für Anfänger_innen.“


Die dahinterstehende einfache Logik: „Wer diskriminiert wird muss gar nichts tun, da er ja keine „Schuld“ an seiner Diskriminierung trägt“, ist moralisch stimmig. Sie vernachlässigt aber, dass das dringendere Interesse an einer Beendigung der Diskriminierung beim „Opfer“ liegt und nicht bei der Mehrheitsgesellschaft. Diese unschöne Tatsache wird  ausgeblendet.

Hier muss man sich – wenn man sich zu den „Betroffenen“ zählt – entscheiden. Möchte man versuchen aktiv die Mehrheitsgesellschaft „zum Besseren“ zu bekehren und hierfür eigene Energie investieren, obwohl man dies moralisch vielleicht nicht tun müsste?  Oder wartet man lieber auf auf die wundersame Selbstverwandlung der Mehrheitsgesellschaft ohne eigenes Zutun? Moralische Überlegenheit versus praktische Erfolgsaussichten.

Die Wahl muss jeder selber treffen. Die Teilnehmer des Programmes haben sich aus freien Stücken für den aktiven Weg entschieden. Über ihre persönlichen Motive könnte man sie im Rahmen des Projektes selbst befragen.

Das Nadine für sich selbst ohne zu Zögern die moralische Überlegenheit wählt ist offensichtlich. Ihre Strategie ist ein wütendes Einschlagen auf die verhasste „heteronormative“ Mehrheit, damit diese darunter letzlich zusammenbrechen möge. Ob dieses Vorgehen angesichts der ungleichen Stärkeverhältnisse zu praktischen Ergebnissen führt bleibt abzuwarten. Ob es überhaupt einer praktischen Zielerreichung dienen soll ist bereits fraglich. 

 Konsequenterweise bietet sie denn auch keine praktische Alternativgestaltung für das Projekt an, sondern schlägt bissig vor, sie könne sich dort ja gerne mal „so eine Hete ausleihen“ und über deren Homophobie befragen. Tu das Nadine. Es trägt sicherlich zur Aufweichung der Fronten bei. Nicht.

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4 Kommentare on “Handeln oder Abwarten? Gegenansicht zu „Leih Dir ne Hete“”

  1. hottehü sagt:

    “Wer diskriminiert wird muss gar nichts tun, da er ja keine “Schuld” an seiner Diskriminierung trägt”, ist moralisch stimmig.

    ich weiß nicht, ob das zutrifft. diskriminierung (oder was man daraunter alles versteht) entsteht ja oftmals durch die reine existenz einer mehrheit. nun gibt es aber keine gesellschaft ohne mehr- und minderheiten. folglich gibt es keine gesellschaft ohne diskriminierung auf grund der zahlenmäßigen überlegenheit. diese überlegenheit ist aber nicht per se unmoralisch. das wäre sie erst, wenn die minderheiten aktiv diskriminiert. das trifft aber auch heute nicht auf alle minderheiten zu. viele fühlen sich bereits durch ihre zahlenmäßige unterlegenheit diskriminiert, obwohl sie es de facto vielleicht gar nicht sind. das schließt übrigens nahtlos an die betroffenheitsdefinitionen an, für die es ausreicht, einer im kanon befindlichen minderheit anzugehören.

    “Wer diskriminiert wird muss gar nichts tun, da er ja keine “Schuld” an seiner Diskriminierung trägt”, ist moralisch stimmig.

    im übrigen mag das zwar moralisch klingen, hält die diskriminierten jedoch unmündig im opferstatus, statt sie zu mobilisieren. insofern ist es de facto sogar zutiefst unmoralisch.

  2. GodsBoss sagt:

    Sie kann gar keine Lösung anbieten, weil es aus der Sicht der Genderisten und deren verallgemeinerten Formen folgendermaßen ist:
    – Wer wie stark diskriminiert wird, wird von den Diskriminierten selbst festgelegt, dazu gab es kürzlich erst hier Artikel.
    – Die nicht diskriminierte Mehrheit kann gar nicht erfassen, wie sie die Minderheit diskriminiert, weil sie es am eigenen Leib nicht erleben kann.
    – Die Betroffenen selbst dürfen von der Mehrheit in keinster Weise tangiert werden, sogar Gespräche, um herauszufinden, wie denn überhaupt diskriminiert wird, sind nicht erlaubt.

    Bleibt unter dem Strich: Nichts. Außer Stochern im Nebel derjenigen, die tatsächlich oder vermeintlich diskriminieren.

  3. Das Konzept der möglichen Passivität wird um so gefährlicher, wenn Passivität hier zur Pflicht gemacht wird, weil freiwillige Aktivität angeblich dem diskriminierten schuld zuweist. Es schränkt damit den Handlungsrahmen ein.

  4. Also spricht sie grade den „Minderheiten“ ab für sich selbst entscheiden zu dürfen wie sie mit ihrem Minderheitenstatus umgehen wollen? Muss man in Zukunft als Minderheit dann erst das OK der Frau Feministin einholen?^^ Ja, das ist wirklich sehr… äh… anti*istisch^^


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