Der Nachteil „geschützter Räume“

Der Feminismus, soweit er in feministischen Blogs vertreten wird hat nach unserer Auffassung unter anderem zunehmend folgendes Kommunikationsproblem:

Einerseits hat man sich das hohe und edle Ziel auf die Fahne geschrieben gesellschaftliche Veränderung anzustrengen, eigene Forderungen durchzusetzten und somit letztendlich irgendwie die Welt zu verbessern.

Als „Gegner“ oder zumindest gedanklichen Gegenspieler den es wahlweise zu bekämpfen, zu bekehren oder zumindest zu belehren gilt wird eine/die „Mehrheitsgesellschaft“ angesehen. Das kann im Einzelfall dann je nach Bedarf die männliche Hälfte der Bevölkerung, „das Patriarchat“ ( gern inklusive der Frauen die es mittragen), die weiße Mehrheitsgesellschaft, die heteronormative Mehrheitsgesellschaft etc. sein.

Das Problem ist nun, dass man zwar einerseits eine Veränderung der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft erreichen , aber andererseits eigentlich gar nicht mit deren Angehörigen sprechen oder gar diskutieren möchte. Vielmehr wird es als legitim und notwendig angesehen „geschützte Räume“ zu schaffen, in die man sich zurückzieht. Aus denen heraus man man sendet und verkündet. Mitglieder des Mainstream haben hier entweder keinen Zugang oder werden zumindest des „Raumes“ verwiesen, wenn sie Ansichten äußern, die sich nicht mit dem Schutzziel decken.

Das Blog Mädchenmannschaft z.B. läßt nach ihren Kommentarrichtlinien Kommentare die den Feminismus in Frage stellen nicht zu:

Dies ist ein feministisches Blog, auf dem wir alle gemeinsam, Autor_innen wie Leser_innen, über ver¬schiedenste Formen von Diskriminierung berichten und aufklären, z.B. über (aber nicht ausschließlich) Sexismus, Rassismus, Homophobie und deren Verschränkungen. Wir wollen über unter¬schiedliche Feminismen diskutieren, aber nicht darüber, ob Feminismus als solcher (noch) nötig ist.

Auch im Blog High on Cliches soll es so safe und clean wie möglich zugehen:

Idealerweise würde ich gerne einen Save Space schaffen. Wenn ich das recht verstanden habe, spricht man heutzutage oft schon von “Safer Space”, weil es nicht möglich ist, alles vorherzusehen und/oder zu erkennen. Ich will dennoch natürlich so viel Schlechtes wie möglich rausfiltern.(…)
Und letztendlich komme ich zu meiner Hauptfrage: ist meine Kommentarmoderation ausreichend oder gibt es Kommentare, mit denen ihr lieber nicht konfrontiert worden wärt?

Nadine Lantzsch dagegen möchte in ihrem Blog überhaupt keine Kommentare haben.

Schön und gut.

Dann hockt man also gemütlich und safe in seinen Bunkern geschützten Räumen. Niemand wird verletzt. Man überbietet sich höchstens in internen Diskussionen wer am strengsten genauesten moderiert. Die Mehrheitsgesellschaft erreicht man von dort aus nur noch als Sender von Botschaften, aber nicht mehr als Empfänger der entsprechenden Antworten.

Die so gesendeten Botschaften, die sich an die Mehrheitsgesellschaft richten, sind dabei inhaltlich eigentlich ausnahmslos Kritik und eigene Forderungen die gestellt werden. Die Mehrheitsgesellschaft diskriminiert hier, die Mehrheitsgesellschaft lacht dort mehrheitlich an der falschen Stelle und die Mehrheitsgesellschaft soll doch jetzt gefälligst endlich die Frauenquote einführen und gleich noch ihre Privilegien aufgeben. Sofort!

Unabhängig von der Frage ob die Kritik und die Forderungen berechtigt sind oder nicht, stellt sich die Frage wie erfolgreich so eine Kommuikationsstrategie eigentlich langfristig sein kann. Welche Veranlassung sollte die Mehrheitsgesellschaft haben, auf die Forderungen von jemandem einzugehen, der nicht wirklich mit einem kommunizieren möchte und schon fast stolz darauf verweist jeden Dialog abzulehnen? Kurz gesagt: Warum sollen wir Privilegien ablegen, nur weil es jemand fordert, den wir nicht kennen/vertehen/mögen – der uns deutlich zu verstehen gibt, dass er uns auch nicht mag und der auch nicht mal an unserer Antwort interessiert ist?

Bei dieser Strategie können Erfolge eigentlich nur eintreten durch:

– Nachgabe der Mehrheitsgesellschaft aus Nachsicht, Mitleid oder Schuldgefühl
– rein zufällige Verhaltensänderung des Mainstream
– gewaltsame Revolution

Das diese Alternativen langfristig nicht unbedingt die gewünschten Erfolge bringen hat z.B. auch Katrin Rönicke erkannt, die in Ihrem Blog sehr lesenwert dazu schreibt:

Der zweite Grund warum das Netz kein „politisch“ kann, ist dieses ewige Rumgeflausche und Liebgehabe. Ich nehme mich da jetzt mal nicht aus: Es allen Recht machen wollen.
(…)
Das ist die neue Netzhygiene: Ich lasse niemanden in mein kleines Flauschi-Paradies, der meine Inhalte infrage stellt. Es ist auch völlig unmöglich, zumindest mancher-internet-orts, noch irgendeinen inhaltlichen Disput zu führen. Die Moralkeule hängt gleich drüber und *boing* hat‘se dich. Denn es gibt mittlerweile ganz schön viele etablierte Tabus. Blabla-ismen überall!

Das einseitige Kommunikation nicht sehr angenehm ist, wenn man selbst davon betroffen ist, erkennt Hanheiwen alias Helga Hansen schon mal.

Unsere These ist daher. Die Feministische Netzgemeinde wird sich irgendwann aufteilen, in diejenigen, denen es zu langweilig/einseitig/nervig ist immer nur mit seinesgleichen sich gegenseitig zu versichern, dass man Recht hat. Und die anderen die irgendwann im Sinne von Katrin Rönicke sagen werden:

„Hallo, ich sehe das komplett anders, als du! Wollen wir das mal in einer hitzigen Diskussion ausbattlen? Hätt ich voll Bock drauf.“

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2 Kommentare on “Der Nachteil „geschützter Räume“”

  1. […] A Feminist Look >> cooles Video   [Youtube=http://www.youtube.com/embed/7iNSqvCumYk]   Über den Nachteil geschützter Räume >> ich schicke vorweg: Das Blog, das hier verlinkt ist, hat weder Impressum noch sonst irgend eine […]

  2. manorainjan sagt:

    Der geschützte Raum ist kein politisches, sondern ein psychotherapeutisches Konzept. Ohne Therapeut kann er nicht existieren, weil es der Therapeut ist, der ihn erzeugt und aufrecht erhält. Wer sich einen geschützten Raum wünscht, erklärt damit seine Therapiebedürftigkeit. Aber leider ist damit nicht notwendigerweise eine Bereitschaft zur Therapie verbunden. Also ist es nichts weiter, als ein geschlossener Raum, ein Schutzraum für ein Dogma. Lebens- Liebes- und Beziehungsfähigkeit sieht anders aus! Politik ist Auseinandersetzung im Dialog. Wer zu Dialog und Dialektik nicht fähig ist, kann keine politische Wirkung erzielen.


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