Equal Pay Day

Heute ist der sog. Equal Pay Day. Der Tag soll auf die bestehenden Lohnunterschiede zwischen den Gehältern von Männern und Frauen hinweisen bzw. die hier bestehende Ungerechtigkeit anprangern.

Zu diesem Lohnunterschied geistern verschiedene Zahlen durch die Welt, die noch dazu gern verschieden interpretiert werden. Die Behauptung, dass Frauen für die gleiche Arbeit 23 Prozent weniger Lohn erhalten würden ist nachweislich falsch. Der bereinigte Gender Gap für die gleiche Tätigkeit beträgt ca. 8 Prozent Lohnunterschied.

Die 23 Prozent (aktuell wohl 22 Prozent) Unterschied beruhen auf einem generellen Gehaltsvergleich von Männern und Frauen, unabhängig von Branche und Arbeitszeit. Woher stammt dieser Unterschied von 21 Prozent, wenn der Gehaltsunterschied bei gleicher Tätigkeit „nur“ 8 Prozent beträgt?

Eine neue Datenbank der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, dass eine vollbeschäftigte Frau in Deutschland knapp 22 Prozent weniger verdient als ein Mann – der OECD-Schnitt liegt bei einem Minus von 16 Prozent. Die Datenbank erfasst den mittleren Verdienst aller erwerbstätigen Frauen und Männer. Das Gefälle zwischen den Geschlechtern ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Frauen in der Regel in schlechter bezahlten Branchen arbeiten.

http://www.oecd.org/document/20/0,3746,de_34968570_35008930_49829460_1_1_1_1,00.html

Frauen arbeiten also in schlechter bezahlten Berufen. Jetzt stellt sich die Frage, ob diese Berufe deswegen so schlecht bezahlt werden, weil dort mehrheitlich Frauen arbeiten oder ob es Berufe gibt, die im kapitalistischen System schlecht bezahlt werden aber trotzdem für Frauen besonders attraktiv sind. Die Antwort auf diese „Henne oder Ei“ Frage wird im Regelfall je nach Meinungsausrichtung beantwortet. Während Feministinnen der Ansicht sind, dass in einem patriarchalen System in  „Frauenberufen“ quasi absichtlich zu wenig gezahlt werde, verweisen andere darauf, dass Frauen ihre Berufswahl persönlich weniger nach der Höhe des Gehaltes treffen als Männer.

Die Lösungsideen für das Problem sind ähnlich gespalten. Einerseits wird dafür plädiert „Frauenberufe“ besser zu bezahlen, andere versuchen eher Frauen für die besser bezahlten „Männerberufe“ zu gewinnen (Prophet und Berg Problem).

Ein Gutes hat der Gender Gap allerdings, denn er schafft neue wichtige Arbeitsplätze für Studienabgänger der Genderwissenschaften:

Um die Initiative des Equal Pay Day über den Aktionstag hinaus durch ein ganzjähriges Engagement zu stärken, öffneten im September 2011 die Bundesgeschäftsstelle Entgeltgleichheit und das Forum Equal Pay Day ihre Pforten. Die Bundesgeschäftsstelle Entgeltgleichheit soll Leitfäden für Veranstaltungen, Werbemittel und Informationsmaterial zum Thema Entgeltgleichheit bereitstellen.

http://www.equalpayday.de/ueber-den-equal-pay-day/

Ob hier hohe oder niedrige Gehälter gezahlt werden ist allerdings nicht bekannt.

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Schmerzensmänner – keine Solidarität vom Feminismus.

Der Begriff des Schmerzensmannes /bzw. der Schmerzensmänner stammt aus der Feder von Nina Pauer, die sich in einem Artikel in der Zeit darüber beklagt hatte, dass der Feminismus aus den vormals „richtigen“ Männern nun weinerliche traurige Gestalten gemacht habe:

„Doch was als eine begrüßenswerte Mentalitätsreform des alten Männerbildes begann, hat inzwischen groteske Züge angenommen. Das eigene Leben reflektierend und ständig bemüht, sein Handeln und Fühlen sensibel wahrzunehmen, nach außen zu kehren und zu optimieren, hat er sich auf einer ewigen Metaebene verheddert, von der er nicht wieder herunterkommt.

Die erfolgreiche Kommunikation mit seinem weiblichen Gegenüber, in Liebesdingen ohnehin notorisch unwahrscheinlich, ist damit noch ein Stück weiter in Richtung Unmöglichkeit gerückt. Denn auf die junge Frau wirkt die neue männliche Innerlichkeit, das subtile Nachhorchen in die tiefsten Windungen der Gefühlsregungen schrecklich kompliziert. Und auf die Dauer furchtbar unsexy.“

Der Schmerzensmann ist damit also eigentlich das Gegenteil vom antifeminstisch eingestellten Mann, denn er versucht ja gerade profeministisch zu sein. Nur leider ist er dabei aus der Sicht von Nina Pauer „unsexy“. Seither ist der Begriff des Schmerzensmannes in vieler Munde. Der Chefredakteur der Männerzeitschrift GQ stellte klar, dass Nina Pauer vermutlich nur in den falschen Bars herumhängt und daher keine „richtigen Männer“ trifft.

Man hätte also damit rechnen können, dass als Reaktion auf  den Text von Nina Pauer zumindest feministische Autorinnen erklären, dass Ninas Artikel ziemlich großer Mist sei und letztendlich nur dazu führt, dass sich die (Schmerzens)Männer von Feminismus wieder abwenden, um wieder „richtige“ Männer – und sexy – zu werden. Aus feministischer Sicht eine kontraproduktiv Entwicklung.

Stattdessen hat die femistische Webszene den Begriff dankbar aufgegriffen um auch ihrerseits über echte oder vermeintliche Schmerzensmänner abzulästern.

Franziska alias hermann hermann stellt in ihrem Blog ananarchie und lihbe klar, dass auch profeministische Schmerzensmänner noch immer privilegierte Arschlöcher sind und deren Probleme ihr gründlich am Allerwertesten vorbeigehen.

„Ist euch aufgefallen, dass ihr die einzigen seid, die ihre großen und kleinen Traurigkeiten ungefiltert und unendlich oft in die Feministeria ballern? Wieso seid ihr der Ansicht, einen Raum wie den queer/feministischen Netzkosmos mit euren Whiteboyproblems beschäftigen zu müssen? Habt ihr mal darüber nachgedacht, dass ihr mit euren vielen Tränen Ressourcen fresst, die andere sowieso schon weniger zur Verfügung haben als ihr, weil sie nicht mit dem goldenen Panzer des weißen Dudes gerüstet sind? Wieso paradiert ihr euer Privileg in unsere Gesichter?
Subtile Selbstironie, die ich beim Club der Schmerzensschmerzen e.V. bisher nicht erkannt habe, würde das auch nicht entschuldigen.

Wie ihr diese Widersprüche löst, ist nicht mein Problem. Es ist eure Pflicht, um mal einen eher archaischen Begriff zu benutzen.Findet Lösungen, die euch und uns erlauben, weichherzige, gefühlvolle Menschen zu sein. Überlegt euch, wie ihr feministische Männer* sein könnt, ohne die Feminist_innen mit eurem Mannsein zu belasten.
Das ist das mindeste, was ihr tun könnt, wenn ihr von mir weiter als feministische Verbündete gesehen werden wollt.“

Der Schmerzensmann soll seine Probleme also gefälligst alleine lösen und die Feministinnen  nicht mit seiner Männlichkeit belästigen.

UPDATE:

Es gibt doch auch feministische Kritik an dieser feministischen Sichtweise auf die „Schmerzensmänner“. Im Antiblog heißt es dazu:

„Männer in “feministischen und queer”-Kreisen “mitmachen zu lassen”, auch in Ausprägungen, die vielleicht manchmal zuviel Raum einnehmen, finde ich absolut notwendig. Männer sind wichtige Multiplikatoren der Idee “Feminismus”. Und wenn der Schmerzensmann weinen muss, dann muss er eben weinen. Was nimmt er mir dadurch weg? Raum, Ressourcen, Zeit für wichtigeres? Ich denke nicht. Emotionen sind das stärkste Mittel der Kommunikation.

So sehe ich lieber 10 Schmerzensmänner auf hohem Niveau wehklagen, als einen Mann, der sich der Debatte entzieht, weil sie ihm potentiell nahe gehen könnte oder zur Reflektion zwingt. Auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der Gefühle zeigen eben nicht mehr gegendert ist, muss es auch Männer geben, die öffentlich und laut maulen, motzen, weinen und schreien.“


Trans vs. Cis – Das Problem der gegenseitigen Betroffenheit

Ein interessanter Artikel zur Ausgrenzung von Transfrauen in „geschlossenen Frauenräumen“ ist hier zu finden. Dort wird einerseits zunächst die Notwendigkeit „geschlossener Räume“ für Frauen als Schutz betont, dann aber beklagt, dass Transfrauen dort häufug der Zugang verwehrt wird oder zumindest eine Ausgrenzung erfolgt.

Hier findet sich auch folgende Aussage:

„Ja, aber wenn ich bei trans*Frau­en einen Män­n­er­kör­per wahr­neh­me und ich dar­auf nicht klar komme, dann kann mir das ja nie­mand ab­spre­chen, ist eben meine Wahr­neh­mung.“ Nö, kann nie­mand. Aber die Frage ist: Was folgt dar­aus? Viel­leicht ist es ein wenig wie mit der De­fi­ni­ti­ons­macht: Sie ist weder per­fekt, noch wi­der­spruchs­frei, (…)

Hier zeigt sich sehr gut, dass ein Problem auftritt, wenn man die Definitionsmacht über die eigene „Betroffenheit“ allein dem „Opfer“ zusprechen möchte und dabei nicht ganz klar ist, wer eigentlich das Opfer sein soll.

Die biologische CisFrau fühlt sich durch die Anwesenheit von „Männern“ in ihrem Schutzraum betroffen und beansprucht die Definitionsacht darüber, wen sie als „Mann“ ansieht und den Zugang verwehrt. Hier: Männerkörper.

Dies widerum führt dazu, dass sich die Transfrau mit Männerkörper sexistisch betroffen fühlt, da es nach IHREM Verständnis allein IHR obliegt zu definieren, ob sie Mann oder Frau sein möchte und sie diese Definitionsmacht nicht an die Cis-Frau abgeben möchte.


Lesenswert: Kleine aktuelle Blogschau

Nachfolgend einige aktuelle lesenwerte Artikel aus anderen Blogs:

Mädchenmannschaft: Rassismus, Definitionsmacht und Missbrauch

Auf der Mädchenmannschaft stellt Kübra die Frage:

„Was, wenn Rassismus nicht mehr normal, sondern allein der Vorwurf rufschädigend wird? Wenn sich das potenzielle Opfer plötzlich in der Machtposition befindet?“

„Was also, wenn gerade die nachteilige Unbeweisbarkeit des Rassismus von potenziellen Opfern missbraucht wird?

Diese Frage stellt sich in der Tat. Insbesondere wenn man die Auffassung vertritt, dass die Feststellung der Tatsache, ob überhaupt Rasissmus oder Sexismus vorliegt allein der Definitionsmacht des mutmaßlichen Opfers unterstellt und jede objektive Prüfungsmöglichkeit ablehnt.

Alles Evolution: Zur Verweigerung von Grundlagendiskussionen

Im Blog Alles Evolution wird darauf hingewiesen, dass die konsequente Verweigerung  der Diskussion von Grundlagendefinitionen unter dem Vorwand der Themenbegrenzung oft gezielt als Machtmittel benutzt wird.

Antje Schrupp: Geschlechtertidentität  kein bloßes Sozialisationsergebnis

Antje Schrupp erklärt in ihrem Blog, weshalb Sie lieber von „Frauen“ und „Männern“ spricht und den sperrigen feministischen Begriff des „weiblich bzw. männlich sozialisierten Menschen“ vermeidet:

„Ich betrachte mich nämlich nicht als bloßes Ergebnis meiner Sozialisation. Und auch wenn man alles Ansozialisierte von mir substrahieren würde, würde nicht ein irgendwie geschlechtsloses „Gefäß“ übrig bleiben, sondern etwas, das ich vorläufig „weibliche Subjektivität“ nenne.“


Feminismus und Piraten

Wann habt Ihr eigentlich den letzten Artikel gelesen, in dem sich darüber beklagt wurde, dass die FDP kein Bekenntnis zum bedingungslosen Grundeinkommen in ihrem Programm hat, verbunden mit der Forderung, die FDP habe dies gefälligst mal schleunigst zu ändern?

„Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit“ heißt es schlicht in Artikel 21 des Grundgesetzes.  Dahinter steckt im Grunde die Idee, dass Bürger mit gleichartigen politischen Zielen sich zu Parteien zusammenschließen können. Der Wähler kann dann entscheiden, welche Partei von ihrer Agenda den eigenen Zielen entspricht (oder am nächsten kommt) und ihr durch seine Wählerstimme ein politisches Mandat erteilen.

Da die Bevölkerung nicht homogen in ihren Zielen ist, folgt daraus dass die entstehenden Parteien in ihren Programmen nicht identisch sind. Neoliberale konkurrieren mit Linken und Grünen etc. Es ist in einem solchen ystem geradezu angelegt, dass dem einzelnen Wähler die usrichtung einzelner Parteien auch mal NICHT zusagt, was zu der legitimen Entscheidung führt diese Partei nicht zu wählen.

Natürlich wird jede Partei bemüht sein so viele Wähler wie möglich anzusprechen und schon aus eigenem Interesse ihre programmatische Ausrichtung daran orientieren. Paradox erscheint dabei die Idee, eine Partei müsse ihre politische Ausrichtung ändern, damit sie den Zielen ihrer Nichtwähler nahe kommt. Ein überzeugter linker Wähler wird seine Stimme nicht der CDU geben, aber er wird kaum fordern, die CDU müsse gefälligst ihr Parteiprogramm von konservativ auf radikal links umgestalten. Die CDU würde einer solchen „Forderung“ auch kaum nachkommen.

Bei der relativ neuen Partei der PIRATEN ist aber in den letzten Monaten geradezu ein Trommelfeuer der wiederholten Forderung zu vernehmen, die Partei möge sich inhaltlich gefälligt ganz schnell zum Feminismus bekennen und eine Frauenquote einführen. Obwohl diese Forderungen erkennbar  nicht von den Mitgliedern der Partei selbst stammen und auch nicht deren Willen entspricht, wurden Sie in einer Art vorgetragen, als habe die Fordernde  gerade zu einen natürlichen Anspruch darauf, dass die PIRATEN dem Folge zu leisten hätten.

Da dies natürlich nicht passiert betrachten viele Feministinnen geradezu beleidigt die PIRATEN scheinbar als persönlichen Staatsfeind Nr. 1. Die Idee, dass auch Parteien, die nicht dem eigenen Weltbild entsprechen ihre Daseinsberechtigung haben (soweit sie nicht Verfassungsfeindlich sind) scheint sich hier nicht durchgesetzt zu haben. Dabei gäbe es aus linker feministischer Sicht auch an den anderen (wesentlich einflussreicheren) Parteien viel zu kritisieren, die CDU/CSU setzt gerade die Herdprämie durch, die FDP blockiert die Einführung jeglicher Art von gesetzlicher Frauenquoten in der Wirtschaft, aber bemerkenswerterweise arbeitet man sich von feministischer Seite überwiegend und vorrangig mit besonderem Eifer an den relativ kleinen Piraten ab. Nicht mal die NPD wird mit so viel Kritik überschüttet.

Politologin über die Piratenpartei – Die Antifeministen dominieren, taz 21.09.2011 

Jung, dynamisch – frauenfeindlich? , Spiegel-online, 21.09.2011

Von wegen transparent – Probleme der Piraten mit der Frauenquote, taz, 18.10.2011

Piraten, last man standing, medienelite, 18.10.2011

Piratenpartei für Frauenvernichtung, taz 23.12.2011

Piraten Post-Gender, Nichts tun wenns brennt? 23.12.2011 

Postgender? Damit sind die Piraten von gestern, Der Freitag 26.01.2012

Frauen bei den Piraten- Allein unter gottgleichen Alpha-Jungs, Spiegel-online, 08.03.2012

Piraten leiden unter Feminismus Paranoia, SZ 08.03.2012

Popender Trouble, 13. März 2012

 
Warum ist das so?

Zunächst einmal ist festzustellen, dass es derzeit keine erfolgreiche originär feministische Partei gibt. Und das liegt nicht daran, dass monothematische Parteien nicht erfolgreich sein könnten, denn auch die Ausrichtung auf ein einziges Thema wird ja auch den PIRATEN immer wieder zum Vorwurf gemacht. Und es liegt auch nicht daran, dass noch niemand daran gedacht hätte eine femistische Partei zu gründen, auch wenn manche ahnungslos fragen: Warum gibt es eigentlich keine Frauenpartei?
Die feministische Partei DIE FRAUEN tauchen bei den Wahlen regelmäßig nur unter „sonstige“ auf (Stimmanteil bundesweit 2009 0,3 % ). Nennenswerte Wahlerfolge mit dem Kernthema Feminismus also Fehlanzeige. Und nun taucht plötzlich eine neue frische Partei mit junger, großstädtischer Mitglieder- und Wählerstruktur auf, beherrscht die Medien mit ihrem Thema, erzielt beachtliche Anfangserfolge – und der Feminismus ist mal wieder nicht mit dabei gewesen. Das frustriert und erklärt die Agression, die sich an den PIRATEN nun regelmäßig abarbeitet.

Dabei ist es ganz einfach. Es ist allein Sache der Partei ihre Inhalte zu bestimmen. Wer nicht Mitglied ist, kann über seine Wahlentscheidung Einfluss nehmen. Eine Partei die für ihr Programm keinen Rückhalt beim Wähler findet wird das bald merken (FDP). Wer feministische Inhalte in den Vordergrund stellt, kann entweder eine bestehende feministische Partei unterstützen oder versuchen eine neue feministische Partei zu gründen. Nicht legitim dagegen ist es, sich darüber zu beschwerden, dass eine erfolgreiche Partei sich weigert die eigenen scheinbar unpopulären Ziele mit in ihr Programm aufnehmen.


Handeln oder Abwarten? Gegenansicht zu „Leih Dir ne Hete“

Nadine Lantzsch äußert in ihrem Artikel „Leih Dir ne Hete“ im Blog der Mädchenmannschaft Kritik am Berliner Projekt „die lebende Bibliothek“.

Bei dem Projekt geht es darum, dass man sich dort, statt auf das tote Wissen eines Buches zurückzugreifen einen lebendigen Menschen „leihen“ kann um an dessen Erfahrungswelt Anteil nehmen zu können und so Wissen und neue Sichtweisen erwerben zu können. Speziell sollen hier Minderheitenvertreter „im Angebot“ sein.

Der gesamte Artikel ist von der für Nadine typischen negativen Grundtendenz durchzogen. Sie lehnt das Projekt  bereits deshalb ab, weil Sie es als alleinige Aufgabe der „Mehrheitsgesellschaft“ sieht, angebliche Diskriminierung von sich aus abzubauen, ohne dass es dazu irgendeiner Form von Tätigwerden der von Diskriminierung betroffenen Minderheiten bedarf. 

„Warum also müssen sich jene den bohrenden Fragen der “Toleranzgesellschaft” stellen, die sowieso täglich mit Ausgrenzung, Diskriminierung und blöden Sprüchen konfrontiert sind? Sind wir im Zoo? Was werden denn da für Bilder über Menschen und deren Lebenssituationen konstruiert? Sind Transsexuelle, Muslima, Obdachlose nur diese Labels? Welche Kriterien müssen sie erfüllen, damit sie als Expert_innen für ihr Label gelten? Essenzialismus pur, Differenzkarneval für Anfänger_innen.“


Die dahinterstehende einfache Logik: „Wer diskriminiert wird muss gar nichts tun, da er ja keine „Schuld“ an seiner Diskriminierung trägt“, ist moralisch stimmig. Sie vernachlässigt aber, dass das dringendere Interesse an einer Beendigung der Diskriminierung beim „Opfer“ liegt und nicht bei der Mehrheitsgesellschaft. Diese unschöne Tatsache wird  ausgeblendet.

Hier muss man sich – wenn man sich zu den „Betroffenen“ zählt – entscheiden. Möchte man versuchen aktiv die Mehrheitsgesellschaft „zum Besseren“ zu bekehren und hierfür eigene Energie investieren, obwohl man dies moralisch vielleicht nicht tun müsste?  Oder wartet man lieber auf auf die wundersame Selbstverwandlung der Mehrheitsgesellschaft ohne eigenes Zutun? Moralische Überlegenheit versus praktische Erfolgsaussichten.

Die Wahl muss jeder selber treffen. Die Teilnehmer des Programmes haben sich aus freien Stücken für den aktiven Weg entschieden. Über ihre persönlichen Motive könnte man sie im Rahmen des Projektes selbst befragen.

Das Nadine für sich selbst ohne zu Zögern die moralische Überlegenheit wählt ist offensichtlich. Ihre Strategie ist ein wütendes Einschlagen auf die verhasste „heteronormative“ Mehrheit, damit diese darunter letzlich zusammenbrechen möge. Ob dieses Vorgehen angesichts der ungleichen Stärkeverhältnisse zu praktischen Ergebnissen führt bleibt abzuwarten. Ob es überhaupt einer praktischen Zielerreichung dienen soll ist bereits fraglich. 

 Konsequenterweise bietet sie denn auch keine praktische Alternativgestaltung für das Projekt an, sondern schlägt bissig vor, sie könne sich dort ja gerne mal „so eine Hete ausleihen“ und über deren Homophobie befragen. Tu das Nadine. Es trägt sicherlich zur Aufweichung der Fronten bei. Nicht.


Wer profitiert von einer Frauenquote (und wer nicht)?

In letzter Zeit wurde auch besonders in einschlägigen feministischen Blogs der Ruf nach einer gesetzlichen Frauenquote für DAX Vorstände laut. Dem Wirbel und der Vehemenz nach zu urteilen, mit der (sowohl von Befürwortern, als auch von Gegnern) um diese Frage gestritten wird, müßte die Einführung einer solchen Quote weitreichende Veränderungen mit sich bringen.

Wir wollen daher mal ganz nüchtern betrachten, wer von einer solchen Quote in welcher Form profitieren würde. Und wer nicht.

1. Frauen mit eigener Karriereambition

Profitieren würden in erster Linie natürlich diejenigen Frauen, die aufgrund einer solchen Quote in entsprechend einflussreiche und gutbezahlte Positionen gelangen würden.  Es sei Ihnen gegönnt. Es werden vermutlich hart arbeitende intelligente und machtbewusste Frauen sein, die ihr Leben schon frühzeitig einer ernsthaften Wirtschaftskarriere mit allen damit verbundenen Konsequenzen verschrieben haben. Diese Frauen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit weder politisch links noch sonderlich kapitalismuskritisch sein, sonst hätten sie es gar nicht erst in entsprechende Karriereplätze geschafft von wo aus der Sprung an die Spitze  möglich ist. Bermerkenswerter Weise lehnen gerade diese Frauen eine Quote aber oft ab.

2. Männer mit Karriereambitionen

Wenn 1/3 oder sogar die Hälfte der angestrebten beruflichen Positionen nur noch mit Frauen besetzt werden DARF, wird der an die männlichen Beschäftigten zu verteilende Kuchen logischerweise kleiner. Wenn in gleichem Maß auch der Anteil der weiblichen Berufseinsteiger bei den Großunternehmen steigen sollte, dann wird es bereits schwieriger den Berufseinstieg zu schaffen. Die Folge ist erhöhter Konkurrenzdruck und die Möglichkeit der Unternehmen eine noch stärkere Elitenauswahl treffen zu können.

Wenn der Frauenanteil in der Belegschaft (und wir meinen hier den Teil, der ernsthaft in Führungspositionen aufsteigen kann) nicht den gleichen Anteil widerspiegelt, den die Frauenquote für Führungspositionen vorschreibt, ist eine Zwei-klassen Gesellschaft die Folge. Die Folge ist noch einmal höherer Konkurrenzdruck der Männer untereinander um die für ie dann verbeibenden Stellen.

3.  junge Feministinnen

Diejenigen, die am lautesten für eine Frauenquote streiten, sind bemerkenswerterweise diejenigen, die selbst am wenigsten von ihr profitieren dürften. Die feministische Peergroup ist trotz aller gegenteiliger Beteuerungen relativ homogen. Weiße großstädtische Frauen in den mittleren zwanzigern, links und kapitalismuskritisch.  Schon die Wahl des Studienfaches und die politische Agenda schließen hier eigentlich eine künftige Karriere in großen  Unternehmen von vornherein aus. Dies wird oft auch gar nicht als eigner Lebensentwurf angestrebt.

„Ich zähle das hier nur auf, um zu verdeutlichen, wie weit weg sich meine momentane Lebenswelt von dem bewegt, was immer wieder durch meine Eltern oder das System(!) an mich herangetragen wurde. Und wie sehr jeder einzelne Aspekt von dem mich verändert. (…) Ich werde nie in einem 40-Stunden-Job für mehr als zehn Jahre arbeiten. Und ich werde wahrscheinlich auch nie das Gehalt bekommen, was ich mir vor Jahren noch für mich vorstellte, um mir meinen dekadenten Lebensstil zu finanzieren. Ich habe mir geschworen, dem Lebenslauftuning eine Absage zu erteilen. Ich mache keine konkreten Pläne. Ich weiß nur, dass ich mich noch sehr lange baden will in dem, was sich Blase nennt.“

Quelle: Nadine Lantzsch, Medienelite, 2010
 

4. Feministinnen der 1. Generation

Daneben natürlich existiert die „alte Garde“ der  Feministinnen aus der Alice Schwarzer Generation, keineswegs Meinungsgleich mit den jungen Feministinnen und selbst nun schon zu alt um noch von einer Quoten künftig profitieren zu können.

5. Der Feminismus als Bewegung

Sowohl junge als auch die älteren Fiministinnen könnten die Einführung einer Frauenquote als Sieg auf Ihre Fahnen schreiben, eine Frauenquote „erkämpft“ zu haben. Man könnte Sinn und Berechtigung der eigenen Bewegung begründen und sich der eigenen Bedeutsamkeit versichern.

Aber was kommt dann? Besonders für den jungen Feminismus, der dann noch nicht auf ein „Lebenswerk“ ala Alice Schwarzer zurückblicken kann? Den Kapitalismus bekämpfen? Den hat man ja gerade mit der Quote deutlich gestärkt, denn je mehr Frauen von ihm in gleichem Maße von ihm wirtschaftlich profitieren und ihn auf Führungsebene mittragen wie Männer, desto schlechter lässt sich künftig Kapitalismus noch als hässliche Fratze des Patriarchats verkaufen. Nach einer Studie von Ernest & Young, die zu zitieren viele Quotenbefürworterinnen nicht müde werden, erhöhen Frauen in Führungspositionen zudem noch die Unternehmensgewinne.

Die trügerische Hoffnung, die paar hundert Karrierefrauen würden dann die ganze Arbeitswelt von oben herab irgendwie sozialer umgestalten wird sich wahrscheinlich  nicht erfüllen. An Frauen wie Angela Merkel oder Christina Schröder ist zu erkennen, dass Frauen in Führungspositionen nicht zwingend ein Garant für eine besonders frauenfreundliche oder gar feministische Handlungsagenda sind.

“Es wird keine gesetzliche Quote geben”, ließ Merkel über ihren Regierungssprecher Steffen Seibert verkünden.“

Auch Alice Schwarzer ist dem Vernehmen nach keine sonderlich soziale Chefin und müssen wir ernsthaft Friede Springer diskutieren? Auch Hartz IV ist unter Ursula von der Leyen noch genau so unsozial wie früher. Viele der in letzter Zeit als besonders sexistisch kritisierten Werbekampagnen stammen bereits aus der Feder von weiblichen Werbefachleuten.

Auch die schöne  Idee, dass eine Frau an der Spitze nun  zwangsläufig ihre „Schwestern“ unterstützen wird ist  keineswegs gesichert. Wer sagt denn z.B., dass eine Managerin, die es kinderlos und mit 70 Stunden Arbeitswoche „aus eigener Kraft nach oben geschafft“ hat ausgerechnet Verständnis haben wird, für die erneut schwangere Angestellte weit unterhalb ihrer Position, die gerne lieber eine Teilzeitstelle hätte? Sogar unter den Feministinnen selbst gibt es viele, die mit der Idee von Mutterschaft alsanerkennenswerten Lebensentwurf wenig anfangen können.

6.  Die Gegner des Feminismus

Maskulisten fürchten genau das, was die Feministinnen insgeheim hoffen.Eine Übernahme der Macht durch die Frauen – und die ganz abgedrehten auf beiden Seiten – die Errichtung des Matriarchates. Die Realität wird anders aussehen. Die Welt wird nicht anders oder besser werden. Sie wird sich in den gleichen Bahnen und nach den gleichen Spielregeln weiterdrehen.

7. Das kapitalistische System

Der Kapitalismus ist extrem anpassungs- und widertandsfähig. Er überlebt in Diktaturen ebenso gut wie in Demokratien. Im Zweifel wird er auch von einer Frauenquote profitieren. Wir schauen nach Norwegen:

„Das Phänomen der „goldenen Röcke“ hingegen ist real. Cathrine Seierstad hat nachgezählt: „Vor Einführung der Quote hatte niemand mehr als vier Aufsichtsratsposten, jetzt liegt die maximale Anzahl bei acht bis neun“, berichtet die Ökonomin, die an der Queen Mary University in London lehrt. Sie hält die Ämterhäufung aber für eine vorübergehende Erscheinung. „Am Anfang war es einfach schwer, schnell geeignete Kandidatinnen zu finden.“ Wenn erst mehr Wirtschaftsfrauen Karriere machten, werde sich das Problem von selbst erledigen.“

Quelle: Spiegel „Goldene Röcke

 Ob sich diese Hoffnung erfüllt oder sich das Prinzip der „Goldröcke“ dauerhaft etabliert, bleibt abzuwarten.

 Durch veränderte Strukturen und den wachsenden Konkurrenzdruck der Angestellten stehen weiterhin ausreichend einsatzbereite Arbeitskräfte zur Verfügung. Sollten es Frauen tatsächlich schaffen noch höhere Gewinne zu generieren – um so besser. Mit einer Quote von 50 % weiblichen Führungskräften wird es zudem schwer den Kapitalismus mit als seinen Folgen als patriarchales System anzuprangern. Dies wäre  nur möglich, wenn man die weiblichen Führungskräfte dann quasi als „willige Werkzeuge des Patriarchates“ einstufte (was möglich ist) – dann stellt sich aber sogleich die Frage, warum man von femistischer Seite ausgerechnet eine Quote für gerade solche Frauen erkämpfen wollte.

Teilweise wird auch gerne der demographische Wandel als Begründung für die Notwendigkeit einer Frauenquote angeführt. Die Unternehmen könnten es sich „nicht leisten“ auf weibliche Fachkräfte zu verzichten.

„Bereits an zweiter Stelle der aktuellen Personalprobleme in Berliner Unternehmen steht, dem Betriebspanel Berlin 2006 zufolge, mit 13 % der Nennungen Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Fachkräften.Diese Situation wird sich durch die oben skizzierte demographische Entwicklung weiter verschärfen. Es ist also nicht nur eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit, wenn alle Anstrengungen unternommen werden müssen, junge Frauen zu qualifizieren. Gut ausgebildete Fachkräfte nützen auch den Bemühungen, Berlin zu einem attraktiveren Wirtschaftsstandort zu machen und die Stärke Berlins als Wissensstadt weiter auszubauen.“

Quelle: Demographischer Wandel und Gender – ein blinder Fleck?

Hier deutet sich bereits an, dass die Förderung von Frauen als geradezu notwendig zur weiteren Stützung des kapitalistischen Systems verstanden wird. Das System braucht weiterhin ausreichend motivierte Arbeitskräfte und muss (ob es will oder nicht) zwangsläufig zunehmend Frauen dafür rekrutieren und vor allem begeistern in dieses System mitspielen zu wollen.

„Haug verwies darüber hinaus auf Nachfrage auf eine weitere Leerstelle: Das weitgehende Fehlen kapitalismuskritischer Perspektiven im gegenwärtigen akademischen Feminismus (was Deutschland und Österreich anbelangt). Tatsächlich scheint Kapitalismuskritik in den großen Debatten der feministischen Wissenschaften nicht gerade en vogue zu sein. Das heißt aber natürlich nicht, dass es überhaupt nichts dergleichen gibt – eine Fülle wissenschaftlicher Arbeiten befasst sich etwa kritisch mit dem Neoliberalismus und problematisiert den Abbau sozialer Absicherungen und dessen Prekarisierungsfolgen, von denen Frauen tendenziell in stärkerem Maße betroffen sind als Männer. Des Weiteren werden Kritiken an neoliberalen Subjektvorstellungen und politischen Programmen (HartzIV) formuliert, die auf individuelle Selbstverantwortung und „Aktivierung“ setzen: Ungleiche Ausgangsbedingungen aufgrund von Geschlecht, Klasse und Ethnizität würden unsichtbar gemacht, was zu einer Entpolitisierung und Entsolidarisierung beitrage. Arbeiten aus den Forschungskontexten der QueerTheory kreisen um die Frage nach dem Verhältnis von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität auf der einen und Kapitalismus auf der anderen Seite. Hierhat eine Reflexion darüber eingesetzt, dass sich der gegenwärtige (neoliberale) Kapitalismus möglicherweise als so flexibel erweisen könnte, dass ihn auch eine grundlegende Irritation der zweigeschlechtlichen Gesellschaftsordnung nicht zwangsläufig maßgeblich erschüttern würde. 
Mit der Frage nach einer feministischen Kapitalismuskritik stellt sich auch jene nach einem zeitgemäßen linken Feminismus neu.“

Quelle: Neue alte Kapitalismuskritik